30.05.2024
30.05.2024
In allen Fachdisziplinen finden Forschungsergebnisse aus SNF-geförderten Projekten ihren Weg in die gelebte Praxis und verknüpfen Wissenschaft mit Gesellschaft. Aber wie genau sieht diese Verknüpfung aus?
Wie viel soziale Innovation in SNF-geförderten Projekten steckt, sollte in einer Studie herausgefunden werden, die der SNF beim Zentrum für Soziale Innovation Wien (ZSI) in Auftrag gegeben hat. Befragt wurden Forschende, die im Zuge der thematisch offenen Projektförderung sowie des Programms Sinergia eine Finanzierung vom SNF erhalten hatten. Insgesamt haben über 360 Beitragsempfangende an der Studie teilgenommen und Fragen rund um das facettenreiche Thema der sozialen Innovation beantwortet.
Der Begriff ist dabei gar nicht so leicht zu fassen und es gibt unterschiedliche Definitionen darüber, was er genau bedeutet. Wir definieren soziale Innovationen hier in aller Kürze als Neuheiten, die aus Forschungsprojekten resultieren, eine praktische Anwendung in der Gesellschaft finden und so direkt zur Lösung gesellschaftlicher Fragen und Probleme beitragen. Es handelt sich also um Forschungsergebnisse, die direkt auf einen unmittelbaren Nutzen für bzw. eine unmittelbare Auswirkung auf die Gesellschaft abzielen.
Die Implementierung von Forschungsergebnissen in die Praxis ist aber nur der letzte Schritt eines langen Prozesses. Die Weichen für soziale Innovation werden nämlich schon viel früher gestellt: in den Köpfen der Forschenden. Denn für soziale Innovationen braucht es zuallererst Wissenschaftler:innen, die Beiträge zu gesellschaftlich relevanten Themen auch ausserhalb des akademischen Bereichs leisten wollen. Dass dies vielfach so ist, spiegelt sich in der Studie wider. Sie zeigt, dass 65% aller befragten Beitragsempfangenden motiviert sind, mit ihrer Forschung zur Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens beizutragen. Drei Viertel davon gaben sogar an, «sehr motiviert» zu sein. Bei einem Grossteil der Forschenden wird also ein gesellschaftlicher Nutzen über den wissenschaftlichen Arbeitsbereich hinaus mitgedacht. Und das häufig schon von Beginn an, bei der Konzeption ihres Forschungsprojekts.
Daten: Die Grafik bezieht sich auf Fig. 12 (Seite 42) der ZSI-Studie. Die Kategorien «4-6» und «7-10…fully» wurden zu «motiviert» zusammengefasst.
Da sozial innovative Projekte auf eine gesellschaftliche Wirkung abzielen, werden im Laufe des Forschungsprozesses häufig Personen integriert, die nicht im akademischen Bereich tätig sind. So wie bei Silvestro Micera, der für sein Projekt unter anderem mit Betroffenen, Krankenhauspersonal und Unternehmenspartner:innen im Austausch war. Auch nach solchen transdisziplinären Zusammenarbeiten hat die Studie gefragt. Rund ein Viertel der Befragten gab an, Personen von administrativen Institutionen, Sozial- und Bildungseinrichtungen und Unternehmen sowie diverse Einzelpersonen mehr oder weniger stark in ihre Projekte miteinbezogen zu haben. 15% arbeiteten mit NGO zusammen. Mit 34% sind Medienvertreter:innen die grösste ausserakademische Gruppe, mit der zusammengearbeitet wurde. Am häufigsten nahmen die ausserakademischen Gruppen eine beratende Funktion ein, so die Studie. Es zeichnete sich ausserdem ab, dass die Teilhaben nicht erst zu Ende des Projekts stattfanden, sondern häufig schon in früheren Phasen.
Daten: Die für diese Grafik verwendeten Daten wurden vom ZSI zur Verfügung gestellt. Die Grafik bezieht sich auf Fig. 7 (Seite 25) der Studie. Die Kategorien «only marginally» und «quite centrally» wurden zu «ja» zusammengefasst.
Die meisten Studienteilnehmenden gaben an, dass ihre Forschungsergebnisse vor allem zu einer Verbesserung von Prozessen, Produkten oder Serviceangeboten für die allgemeine Bevölkerung geführt haben. Für etwas über ein Viertel der befragten Beitragsempfangenden sind administrative Institutionen jene Orte, an denen ihre Forschungen Anwendung fanden. 25% gaben an, dass ihre Forschungsergebnisse in Unternehmen genutzt wurden, ähnlich viele nannten Sozial- und Bildungsinstitutionen als Anwendungsorte. Die Forschungsergebnisse von 20% führten zu Innovationen für bestimmte soziale Gruppen, jene von 15% wurden in NGO zur Umsetzung gebracht.
Daten: Die für diese Grafik verwendeten Daten wurden vom ZSI zur Verfügung gestellt. Die Grafik bezieht sich auf Fig. 17 (Seite 55) der Studie. Die Kategorien «4-6» und «7-10…fully» wurden zu einer zusammengefasst.
Die Studie zeigt, dass Forschende vielfältige Kanäle nutzen, um ihre Forschungsergebnisse auch ausserhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft sichtbar und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nicht nur können neue, spannende Erkenntnisse dadurch publik gemacht werden. Sondern generell wird die Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gestärkt. Das bringt Forschung in die Lebenswelt vieler Menschen. Die eigene Institutswebsite wird mit 79% am meisten zur Verbreitung herangezogen. Etwas weniger als die Hälfte der befragten Forschenden verwenden traditionelle Medien wie Fernsehen oder Zeitung zur Kommunikation, etwa 37% nutzen die sozialen Medien. Auf Veranstaltungen für ein breites, ausserakademisches Publikum teilen rund 40% ihre Forschungsergebnisse mit.
Daten: Die für diese Grafik verwendeten Daten wurden der ZSI-Studie entnommen und beziehen sich auf Tabelle 11 (Seite 63) der Studie.
Soziale Innovation kommt in SNF-geförderten Projekten vor. Aber die Studie des ZSI Wien zeigt auch: Oftmals bleiben Forschungsergebnisse im wissenschaftlichen Bereich und werden nicht direkt als soziale Innovation in die Praxis umgesetzt. Das bedeutet aber nicht, dass die Wissenschaft hier ihren Zweck verfehlt, denn es wurden neue Erkenntnisse herausgefunden und wichtige Erfahrungen gesammelt. Zudem ist Forschung oftmals aufbauend und demnach langfristig ausgelegt. Schlicht weiss man in vielen Fällen nicht, was in Zukunft einmal zu einer sozialen Innovation führen wird.
Gleichzeitig zeigt die Studie aber auch auf, dass soziale Innovation eine relevante Motivation ist: Forschende denken einen potenziellen gesellschaftlichen Nutzen mit und sind motiviert, etwas zu einem gesteigerten Gemeinschaftswohl beizutragen. Dazu werden häufig ausserakademische Gruppen zur Zusammenarbeit gewonnen. Ausserdem nutzen die Forschenden zur Verbreitung ihrer Forschungsergebnisse diverse Medien, um sie auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man kann also festhalten: Soziale Innovation spielt eine Rolle in der Wissenschaft und für die Forschenden – auch wenn nicht aus jedem Projekt sofort eine gesellschaftliche Veränderung resultieren kann.
«Social Innovation»-Studie des ZSI
SNF-News zur «Social Innovation»-Studie
Daten, Text und Code dieser Datengeschichte sind auf Github verfügbar und auf Zenodo archiviert.
DOI: 10.46446/datastory.social-innovations